Wer sich im Internet über den Handel mit Optionen informiert, stößt auf zahlreiche „Einkommensstrategien“. Vollmundig wird ein regelmäßiges Zusatzeinkommen mit Optionen versprochen. Der Verkauf von Optionen sei für jedermann einfach umzusetzen und gleichzeitig sehr lukrativ.

Jedem sollte klar sein, was er gerade erlebt hat. Man ist gerade durch einen von hundert Blogs im Internet auf die Möglichkeit gestoßen, einfach reich zu werden. Also worauf warten? Schnell über den Affiliate-Link ein Konto eröffnen und für einen überschaubaren Betrag den Videokurs kaufen, der einem den Weg zu einem regelmäßigen Einkommen an der Börse zeigt.

Spaß beiseite. In fast allen Fällen ist der Blogbeitrag eine reine Werbemaßnahme, um die eigenen Produkte (Telegrammgruppe, Coaching, Videokurs) zu verkaufen. Es scheint sich noch nicht überall herumgesprochen zu haben: Ein regelmäßiges Einkommen an der Börse ist für niemanden möglich!

Auf die Gründe, warum alle Einkommensstrategien schon von der Theorie her nicht funktionieren können, möchte ich näher eingehen.

I. Zweck einer Einkommensstrategie

Zunächst ist es wichtig, sich die Ziele dieser Strategien vor Augen zu führen. Das Ziel einer Einkommensstrategie ist es, ein dauerhaftes und regelmäßiges Einkommen aus dem Handel zu erzielen. Oft wird auch von einem „passiven“ Einkommen gesprochen.

Der Anleger entscheidet sich aufgrund der erwarteten Regelmäßigkeit für diese Strategie und gegen andere. Dabei spielt es eine Rolle, wofür diese wiederkehrenden Einnahmen verwendet werden sollen.

Meist soll der Handel, in diesem Fall mit Optionen, einen Teil des Arbeitseinkommens ersetzen, um wiederkehrende Ausgaben wie Miete, Versicherungen oder andere Lebenshaltungskosten zu bezahlen. Auch wenn dieses Einkommen nicht sofort für diese Verpflichtungen ausgegeben wird, so soll es diese doch perspektivisch bedienen.

Aus dem Ziel der angestrebten Regelmäßigkeit ergeben sich die Merkmale der einzelnen Einkommensstrategien

II. Merkmale einer Einkommensstrategie

Um den Zweck der Regelmäßigkeit zu erreichen braucht es eine Strategie, die immer nach dem gleichen Muster und jederzeit investiert ist.

Jede Einkommensstrategie weist daher, in welcher Form auch immer, folgende zwei Merkmale auf:

  1.  Ein gleichbleibendes Regelwerk (Instrument, Einstieg, Ausstieg, Laufzeit, Delta, usw.)
  2.  Eine lückenlose Handelsabfolge

Der Anleger ist also durchgehend mit Positionen im Markt.

III. Beispiel für Einkommensstrategien

1. Dividendenstrategie

Die wohl einfachste und am weitesten verbreitest Einkommensstrategie ist eine beliebige Form der Dividendenstrategie. Der Anleger kauft sich Aktien, um mit Hilfe der Dividenden einen regelmäßigen Rückfluss aus seiner Investition zu erhalten.

Ich halte diese Strategie für die einzige, welche am ehesten den Namen „Einkommensstrategie“ verdient. Dividenden weisen eine hohe Sicherheit in Bezug auf ihre Regelmäßigkeit auf. Ein gut aufgestelltes Dividendendepot wird immer, wenn auch nicht in gleichbleibender Höhe, einen Cashflow erzielen.

Meiner Meinung nach sind Dividenden dennoch nicht mit der Stabilität eines Erwerbseinkommen oder Einnahmen aus anderen Ansprüchen (z.B. gesetzlich Rente), welches die Einkommensstrategie ersetzen bzw. aufstocken soll, gleichzusetzen.

2. Strategien mit Optionen

Im Wesentlichen soll es in der folgenden Betrachtung um Strategien mit Optionen gehen. All diese Strategie setzen in irgendeiner Form auf den Zeitwertverfall. Der wöchentliche oder monatliche Verkauf von Iron-Condors, Butterflys, Calender-Spreads, Short-Puts oder die sogenannte Wheel-Strategie setzen alle auf das Voranschreiten der Zeit.

Durch den Verkauf von Optionen sind die Anleger Theta positiv und profitieren durch das dauerhafte und unaufhörliche Verstreichen der Zeit. Sie verkaufen ständig Optionen, um die angestrebte Regelmäßigkeit der Einnahmen über die Optionsprämie zu erreichen.

Ihre Überlegung scheint auf den ersten Blick einleuchtend zu sein. Warum funktioniert sie also nicht?

IV. Das Problem der Einkommensstrategien

Die Struktur einer Strategie beinhaltet nie einen Vorteil. Ob Sie Butterflys oder Iron-Conders kaufen oder verkaufen ist letztlich nicht ausschlaggebend für eine Outperformance. Einzig der gezielte Einsatz einer bestimmten Struktur zu einem vorteilhaften Zeitpunkt ermöglicht es überhaupt eine positive Performance gegenüber den Markt zu erzielen (sog. Alpha).

Ich tue mich schwer damit das ständige Handel einer bestimmten Struktur als Strategie anzusehen. Dennoch verwende ich weiterhin den Begriff der Strategie, dabei sollte man jedoch im Hinterkopf behalten, dass es sich um das indifferente Handeln einer festen Struktur handelt.

Eine Strategie funktioniert nie immer gleich gut. Je nach Marktphase funktioniert sie mal besser oder schlechter. Der repetitive und undifferenzierte Verkauf von Optionen kann viele Jahre gut gehen und das erstrebte regelmäßige „Einkommen“ liefern, bis es dann einmal nicht gut geht, mit oft gravierenden Folgen.

Wie bei jeder Strategie wird es auch solche Phasen geben in denen sie schlechtere Ergebnisse erzielt. Wenn dann der Anleger auf diese Einnahmen angewiesen ist wird es äußerst hässlich. Er erzielt nicht nur keine Einnahmen, sondern er verliert gleichzeitig Kapital.

Man könnte nun anführen, dass man diese schlechten Phasen erkennen könne und dann einfach den Handel dieser Strategie einstellen könne. Doch dieser Ansatz führt den Ansatz der Einkommensstrategie ad absurdum.

Wenn wir uns an das namensgebende Merkmal aller Einkommensstrategien erinnern. Die lückenlose Handelsabfolge, also die Regelmäßigkeit, würde mit dem Aussetzen der Strategie in bestimmten Marktphasen wegfallen. Damit wäre die vorgestellte Strategie keine Einkommensstrategie mehr, sondern beispielsweise eine Cashflow-Strategie in Bullenmärkten.

Nun könnte man vorbringen, dass man in Bärenmärkten eine andere Einkommensstrategie anwenden könne und die alte einfach aussetzt. Meiner Meinung nach ist es bei diesem Vorgehen fraglich ob diese überhaupt noch als Einkommensstrategie zu klassifizieren ist, dennoch ändert es an dem Problem wenig.

Man verschiebt damit das Problem der unterschiedlichen Performance einzelner Strategien in bestimmten Marktphasen auf die Notwendigkeit zur richtigen Identifizierung der aktuellen Marktphase.

Anstatt regelmäßig Put-Optionen zu verkaufen. Verkauft nun man ständig entweder Put oder Call-Optionen je nach Marktphase bzw. folgt anderen Strategien. Genau genommen ändert man bei diesem Vorgehen nur das Regelwerk. Das Regelwerk wird um die Einordnung der Marktphase erweitert aber an dem ständigen Handeln mit der Erwartung eines regelmäßigen Einkommens ändert sich nichts.

Diese „neue“ Strategie wird ebenso ihre Phasen der guten und schlechten Performance haben. Der einzige Unterschied ist, dass nicht mehr der Markt entscheidet wie die Performance ausfällt, sondern die Fähigkeit des Anlegers die aktuelle Marktphase richtig zu identifizieren.

Meiner Meinung nach ist der Wechsel der Strategie je nach Marktphase der richtige Weg erfolgreich an der Börse zu handeln. Jedoch ist diese Erkenntnis nur der erste Schritt und der Weg führt nicht zum einem regelmäßigen Einkommen, sondern, wie bei jeder Investition, zu abwechselnden Phasen guter und nicht so guter Performance.

V. Fazit zu Einkommensstrategien

Die Strategien als solche sind nicht schlecht, sondern die Erwartung mit der sie vermarktet und umgesetzt werden ist das Problem. Es gibt keine Strategie an der Börse, welche regelmäßig eine positive Performance, auch nicht durch regelmäßige Einnahmen, erzielt.

Am deutlichsten wird es, wenn man sich graphisch vor Augen führt was diese „Einkommensstrategien“ versprechen.

Dies ist die Performance von Bernie Madoff. Diejenige die Bernie Madoff nicht kennen sollten sich kurz die Zeit nehmen und ihn googeln. Die Grafik habe ich in einem Artikel gefunden mit dem Titel: „If you see a chart like this, run away fast„. Die meisten Menschen würden in der Tat weglaufen bzw. nicht mehr weiter lesen, wenn jeder Blog-Artikel in dem ein regelmäßiges Einkommen an der Börse versprochen wird mit einem Chart wie diesem anfangen würde.

Man sollte sich nicht vertun eine Abwandlung dieser Performance versprechen diejenigen, die von einem regelmäßigen Einkommen an der Börse mit dem Einsatz von Optionen schreiben. Denn wie jeder wissen sollte setzt sich die Performance einer Strategie nicht nur aus den eingenommenen Optionsprämien zusammen.

Wer also stolz behauptet jeden Monat eine bestimmte Summe an Prämien einzunehmen und auf der anderen Seite die anfallenden Verluste als temporäre Buchverluste klein redet, malt ein trügerisches Bild seiner Strategie. Dennoch sei es diesen Personen unbenommen von einem „regelmäßigen oder passiven Einkommen“ durch Optionen zu schwadronieren – wir wissen es inzwischen besser.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass es keine Strategie gibt, welche ein regelmäßiges Einkommen ersetzen kann. Wer indifferent eine Strategie handelt wird im Ergebnis die Marktrendite abzüglich der Gebühren erhalten. Der Nachfolgende Chart ist der CNDR, der Cboe S&P 500 Iron Condor Index, der systematisch Iron Condors auf den S&P 500 verkauft. Wie man sieht waren die Jahre 1990 bis 2008 ein stetiger Anstieg, sodass man von einer „Einkommensstrategie“ hätte reden können. Doch jede Strategie hat Phasen, in der sie mal gut und mal schlecht abschneidet, auch wenn diese Phasen über Jahrzehnte sich erstrecken können.

Mit diesem Beispiel möchte ich verdeutlichen, dass der systematische Handel einer bestimmten Struktur keine dauerhaft profitable Strategie sein kann. Der Erfolg im Börsenhandel resultiert nicht aus dem ständigen Verkauf einer Option zu einem bestimmten Strike, mit einer bestimmten Restlaufzeit, auf einen bestimmten Basiswert. Der Optionsmarkt ist dafür zu effizient.

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